Wer davor warnt, weist darauf hin, dass Porno nichts Neues ist. Die alten Griechen bildeten sexuelle Darstellungen auf ihrem Geschirr ab. Doch dem Vergleich damit hält die pornographische Reizüberflutung lebendiger, aufdringlicher Filme und Bilder in keiner Weise stand. Die Technik verändert nicht nur pornographische Inhalte, sondern auch das Alter des Publikums und die Art des Konsums.

1953 gab Hugh Heffner die erste Ausgabe des “Playboys” heraus.

Über Sex sprach man immer mehr – als Kulturthema – in Amerika. Dr. Alfred Kinsey nämlich hatte gerade 1948 ein kontroverses, aber sehr populäres Buch über Sexualität herausgegeben. [1] Er wurde als einer der ersten Wissenschaftler und Autoren gepriesen, die es wagten, sich dieses Themas völlig offen anzunehmen – und das Buch wurde ein Verkaufshit. [2]

Heffner sah sofort die Chance, hier Geld zu verdienen – kulturell hatte sich die Ansicht über Sex verändert. Doch zunächst musste er dem Thema die „Schmuddligkeit” nehmen. Er musste seine Inhalte als lesenswert und elitär präsentieren. Also veröffentlichte er Fotos neben Essays und Artikeln von hochrangigen Autoren. Im Playboy erschien Porno als harmloses Vergnügen, an dem sich respektable und erfolgreiche Menschen beteiligen.

In den 1980ern nun waren es Videokassetten, die jedem in den eigenen vier Wänden den Konsum solcher Filme ermöglichten. [3] Das Publikum sammelte sich nun nicht mehr heimlich in Geheimtipp-Kinos, sondern verteilte sich vor den heimischen Fernsehbildschirmen. Man musste die Videos erst erwerben, doch der Zugriff auf entsprechende Medien war einfacher geworden.

Und dann kam – völlig revolutionär – das Internet. [4][5]

Ab den 1990ern waren die unverhülltesten Darstellungen nur noch einen Mausklick entfernt – für jeden Internetnutzer. [4] Die Pornobranche explodierte regelrecht. Zwischen 1998 und 2007 stieg die Anzahl pornographischer Webseiten um 1.800 % an. [6] 2004 wurden Pornoseiten drei Mal mehr aufgerufen als die Suchmaschinen Google, Yahoo und MSN zusammen. [7] Die Branche wurde zum “großen Geschäft” in einer bisher nicht bekannten Dimension. 30 % sämtlicher Internetdaten hatten mit Porno zu tun [8] und weltweite Umsätze des gesamten Segments (Internet, Sex-Shops, Video-Ausleihe in Hotelräumen usw.) überschritten die Gewinne von Microsoft, Google, Amazon, eBay, Yahoo, Apple, Netflix und Earthlink zusammen! [9]

Die steigende Popularität der Internetpornographie machte die Inhalte gewaltsamer, aggressiver und extremer (Siehe: Weshalb Pornokonsum eine eskalierende Verhaltensweise ist.) Bei einem solchen Überangebot an Bildmaterial überschritten Anbieter ständig Grenzen, indem sie miteinander wetteiferten. [10] „Vor 30 Jahren meinte man mit „Hardcore” üblicherweise die explizite Darstellung des Geschlechtsverkehrs”, so Dr. Norman Doldge, Neurowissenschaftler und Autor des Buchs „The Brain That Changes Itself”. „Nun jedoch geht es vorwiegend um Sadomasochismus – Sex hat zu tun mit Hass und Erniedrigung.” [11] Das Zeitalter nach dem Playboy thematisiert Herabsetzungen, Missbrauch und Erniedrigungen des Menschen in den Massenmedien in einem bisher nicht bekannten Grad. [12] „Vor dem, was heute als Softcore bezeichnet wird, schreckte man vor mehreren Jahrzehnten noch als Hardcore zurück”, erläutert Doldge. „Die vergleichsweise zahmen Softcore-Bilder von dazumal werden nun überall ohne Altersbeschränkung in den Massenmedien, TV, Musikvideos, Seifenopern, Werbefilmen usw. präsentiert: Ich nenne das eine ‚Pornofizierung’”. [13]

Internetpornographie wurde nicht nur immer populärer, sondern auch ohne Einschränkung einflussreicher. Netzwerk-TV, bezahlte Internet-Programm-Serien und Kinos griffen auf immer bedenklichere Inhalte zurück, nur um den an Internetpornographie gewöhnten Zielgruppen noch etwas bieten zu können. [14] Im Zeitraum der Jahre 1998 und 2005 verdoppelte sich die Anzahl der Sex-Szenen in amerikanischen TV-Shows beinahe [15] – die auch für Minderjährige zugänglich sind. Eine Studie der Jahre 2004/2005 ermittelte in 14 von 20 der von Teenagern meist konsumierten TV-Serien sexuelle Darstellungen und in beinahe 10 dieser Serien sexuelles Verhalten. [16] Erstmals gehörten diese Inhalte nun völlig selbstverständlich zum kulturellen Umfeld von Heranwachsenden, die nun vorwiegend über dieses Medium über Sex aufgeklärt wurden. [17]

Porno wirkt sich heutzutage überall in unserem Leben aus. [18] Populäre Videospiele verzichten nicht auf völlige Nacktheit. [19] Snowboards, die an Teens verkauft werden, präsentieren entsprechende pornographische Motive. [20] Dies ist sogar bei Kinderspielzeug der Fall. [21]

Die Technik hat nicht nur das Wesen pornographischer Inhalte verändert, sondern auch das Alter des Publikums und die Art des Konsums. Junge Menschen werden in dieser Weise überflutet – Studien zeigen schon, dass zwei von drei gerade 14jährigen Jungen in den USA bereits im letzten Jahr mindestens einmal gezielt Pornos konsumiert haben [22] und dass viele dies auf ihren Mobilgeräten tun, die sie rund um die Uhr bei sich haben.

Doch all dies berührt noch nicht die schlimmste Entwicklung, die dies mit sich bringt: den Menschenhandel. Moderner Sklavenhandel (und es gibt ihn!) wird durch Pornographie noch befeuert. Mehr als 2/3 sämtlicher Anrufe, die zu Sexhandel bei der entsprechenden Hotline eingehen (National Human Trafficking Resource Center) – geschätzt werden 21 Mio. Opfer weltweit [23], wobei es sich um 49 % sämtlicher Opfer des Menschenhandels und 70 % Minderjährige handelt – beziehen sich auf pornographische Handlungen an den jeweils versklavten Personen. [24]

Das ist nicht ein Problem der Dritten Welt. Sexhandel, der über pornographische Webseiten verbreitet wird, geht über Prostitution hinaus und Kinderhandel ist mit vielen „Revenge Porn”-Seiten verknüpft und bezieht Gewalt, zwangsweisen Drogeneinfluss, körperliche Misshandlungen von Pornodarstellern, das vermeintliche Berufsbild eines Modells und von zu Hause weggelaufene Jugendliche hier in den USA thematisch mit ein. Es geht um jegliche „wirtschaftlich geprägte, gewaltsam, betrügerisch oder zwangsweise durchgeführte sexuelle Akte.” [25] (Siehe: Wie Pornographie den Sexhandel antreibt.)

Menschenhandel, so zeigt sich, nährt sich regelmäßig aus Armut, Drogenmissbrauch, Obdachlosigkeit und dem Konsum pornographischer Inhalte. [26] Nachdem die Opfer umgarnt wurden, wird oft Pornographie benutzt, um sie gegenüber den Akten abzustumpfen, die sie dann gezwungen werden, durchzuführen. Pornographie begünstigt also buchstäblich Menschenhandel und umgekehrt. [27]

Wer sagt, Pornographie sei so alt wie die Menschheit und habe noch nie jemandem wesentlich geschadet, argumentiert wirklichkeitsfremd angesichts des krassen Unterschieds der heutigen Pornographie verglichen mit bisherigen historischen Entwicklungen. Pornographie ist ungleich viel freier zugänglich, weiter verbreitet und extremer als noch vor einer Generation. Die einschlägigen Zeitschriften, die damals im Umlauf waren, sind mit dem, worauf Jugendliche heute zugreifen, [28] in keiner Weise zu vergleichen. Die größte Sorge von Teenagern besteht nicht mehr darin, dass die Eltern es herausfinden.

Die gute Nachricht ist, dass es als Reaktion auf die nie dagewesene Verbreitung von Pornographie auch unzählige Ansprechstellen gibt, die Hilfe anbieten, über Pornographie aufklären oder Opfer befreien. Durch Information, Wachsamkeit und durch den Wert wahrer Liebe kann die pornographische Gefahr zurückgedrängt werden, die in ihrer Form völlig neu für den Menschen ist.

Citations
[1] Brown, T. M., & Fee, E. (2003). Alfred C. Kinsey: A Pioneer of Sex Research. American Journal of Public Health 93(6), 896-897. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1447862/
[2] Mestel, R. (2004, November 15). The Kinsey effect. Los Angeles Times. Retrieved from http://articles.latimes.com/2004/nov/15/health/he-kinsey15
[3] Kalman, T.P. (2008). Clinical Encounters with Internet Pornography. Journal of the American Academy of Psychoanalysis and Dynamic Psychiatry, 36(4) 593-618. doi:10.1521/jaap.2008.36.4.593; McAline, D. (2001). Interview on American Porn. Frontline, PBS, August.
[4] Layden, M. A. (2010). Pornography and Violence: A New look at the Research. In J. Stoner & D. Hughes (Eds.) The Social Costs of Pornography: A Collection of Papers (pp. 57–68). Princeton, NJ: Witherspoon Institute; Kalman, T.P. (2008). Clinical Encounters with Internet Pornography. Journal of the American Academy of Psychoanalysis and Dynamic Psychiatry, 36(4) 593-618. doi:10.1521/jaap.2008.36.4.593;
[5] Paul, P. (2007). Pornified: How Pornography Is Transforming Our Lives, Our Relationships, and Our Families. New York: Henry Hold & Co., 3; McCarthy, B. W. (2002). The Wife’s Role in Facilitating Recovery from Male Compulsive Sexual Behavior. Sexual Addiction & Compulsivity 9, 4: 275–84. doi:10.1080/10720160216045; Schneider, J. P. (2000). Effects of Cybersex Addiction on the Family: Results of a Survey. Sexual Addiction & Compulsivity, 7(1-2), 31–58. Retrieved from http://www.jenniferschneider.com/articles/cybersex_family.html
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[7] Porn More Popular than Search. (2004). InternetWeek.com, June 4.
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[10] Woods, J. (2012). Jamie Is 13 and Hasn’t Even Kissed a Girl. But He’s Now On the Sex Offender Register after Online Porn Warped His Mind. Daily Mail (U.K.), April 25.
[11] Doidge, N. (2007). The Brain That Changes Itself. New York: Penguin Books.
[12] DeKeseredy, W. (2015). Critical Criminological Understandings of Adult Pornography and Women Abuse: New Progressive Directions in Research and Theory. International Journal for Crime, Justice, and Social Democracy, 4(4) 4-21. doi:10.5204/ijcjsd.v4i4.184
[13] Doidge, N. (2007). The Brain That Changes Itself. New York: Penguin Books.
[14] Caro, M. (2004). The New Skin Trade. Chicago Tribune, September 19.
[15] Kunkel, D., Eyal, K., Finnerty, K., Biely, E., and Donnerstein, E. (2005). Sex on TV 4. Menlo Park, CA: The Henry J. Kaiser Family Foundation.
[16] Peter, J. and Valkenburg, P. M. (2007). Adolescents’ Exposure to a Sexualized Media Environment and Their Notions of Women as Sex Objects. Sex Roles 56,(5-6), doi:381–95.10.1007/s11199-006-9176-y
[17] Peter, J. & Valkenburg, P. M., (2016) Adolescents and Pornography: A Review of 20 Years of Research. Journal of Sex Research, 53(4-5), 509-531. doi:10.1080/00224499.2016.1143441; Rothman, E. F., Kaczmarsky, C., Burke, N., Jansen, E., & Baughman, A. (2015). “Without Porn…I Wouldn’t Know Half the Things I Know Now”: A Qualitative Study of Pornography Use Among a Sample of Urban, Low-Income, Black and Hispanic Youth. Journal of Sex Research, 52(7), 736-746. doi:10.1080/00224499.2014.960908; Paul, P. (2010). From Pornography to Porno to Porn: How Porn Became the Norm. In J. Stoner & D. Hughes (Eds.) The Social Costs of Pornography: A Collection of Papers (pp. 3–20). Princeton, N.J.: Witherspoon Institute; Carroll, J. S., Padilla-Walker, L. M., and Nelson, L. J. (2008). Generation XXX: Pornography Acceptance and Use Among Emerging Adults. Journal of Adolescent Research, 23(1), 6–30. doi:10.1177/0743558407306348
[18] Bridges, A. J. (2010). Pornography’s Effect on Interpersonal Relationships. In J. Stoner and D. Hughes (Eds.) The Social Costs of Pornography: A Collection of Papers (pp. 89-110). Princeton, NJ: Witherspoon Institute; Paul, P. (2010). From Pornography to Porno to Porn: How Porn Became the Norm. In J. Stoner and D. Hughes (Eds.) The Social Costs of Pornography: A Collection of Papers (pp. 3–20). Princeton, N.J.: Witherspoon Institute; Doidge, N. (2007). The Brain That Changes Itself. New York: Penguin Books, 102; Caro, M. (2004). The New Skin Trade. Chicago Tribune, September 19.
[19] Paul, P. (2010). From Pornography to Porno to Porn: How Porn Became the Norm. In J. Stoner and D. Hughes (Eds.) The Social Costs of Pornography: A Collection of Papers (pp. 3–20). Princeton, N.J.: Witherspoon Institute.
[20] Paul, P. (2010). From Pornography to Porno to Porn: How Porn Became the Norm. In J. Stoner and D. Hughes (Eds.) The Social Costs of Pornography: A Collection of Papers (pp. 3–20). Princeton, N.J.: Witherspoon Institute.
[21] Bridges, A. J. (2010). Pornography’s Effect on Interpersonal Relationships. In J. Stoner and D. Hughes (Eds.) The Social Costs of Pornography: A Collection of Papers (pp. 89-110). Princeton, NJ: Witherspoon Institute.
[22] Rothman, E. F., Kaczmarsky, C., Burke, N., Jansen, E., & Baughman, A. (2015). “Without Porn…I Wouldn’t Know Half the Things I Know Now”: A Qualitative Study of Pornography Use Among a Sample of Urban, Low-Income, Black and Hispanic Youth. Journal of Sex Research, 52(7), 736-746. doi:10.1080/00224499.2014.960908
[23] University of New England, “Human Sex Trafficking: An Online Epidemic #Infographic” (2015). Retreived by http://www.visualistan.com/2015/02/human-sex-trafficking-online-epidemic.html
[24] Thorn, “A Report on the Use of Technology to Recruit, Groom, And Sell Domestic Minor Sex Trafficking Victim (2015). Retrieved from https://www.wearethorn.org/wp-content/uploads/2015/02/Survivor_Survey_r5.pdf
[25] Trafficking Victims Protection Act (TVPA) of 2000. Pub. L. No. 106-386, Section 103 (8) (A).
[26] Countryman-Roswurm, Karen (2017). Primed for Perpetration: Porn And The Perpetuation Of Sex Trafficking. Guest blog for FTND, retrieved from http://fightthenewdrug.org/fighting-sex-trafficking-absolutely-includes-fighting-pornography/
[27] Dr. Karen Countryman-Roswurm, LMSW, Ph.D. Interview || Truth About Porn [Video file]. (2016, December 28). Retrieved from https://vimeo.com/190317258
[28] Price, J., Patterson, R., Regnerus, M., & Walley, J. (2016). How Much More XXX is Generation X Consuming? Evidence of Changing Attitudes and Behaviors Related to Pornography Since 1973. Journal of Sex Research, 53(1), 12-20. doi:10.1080/00224499.2014.1003773

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